Die monetäre Produktionsfunktion nach Keynes

 

Die orthodoxe Ökonomie lehrte, dass  die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit auf dem jeweiligen Stand der  Technologie die Produktion und damit das Einkommen der Ökonomie bestimmen würden. Einen Mangel an Nachfrage konnte es im  neoklassischen Modell nicht geben, weil das Modell nur Konsum und  Ersparnis im Sinne von Investition, jedoch kein Sparen von Geld kannte. Geldvermögen und Schulden haben makroökonomisch immer den  Saldo Null und kommen einfach im Modell der herrschenden Lehre nicht  vor, was den Studenten nie auffällt, weil ja ständig vom Sparen die Rede ist. Konsum wie Investition sind Nachfrage nach  Gütern, da konnte ewig gespart werden und doch nie die Nachfrage fehlen. In diesem Modell ohne Geldvermögen und Schulden war keine Absatzkrise durch die Geldpolitik möglich.

Die Weltwirtschaftskrise 1929-33  überzeugte Keynes, dass kein Mangel an Kapital oder Arbeit den Einbruch  der Einkommen verursacht haben konnte. Die Technologie sah Keynes auch nicht als Ursache der Krise - schon damals wurde  behauptet, die Arbeitslosigkeit wäre Folge des technischen Fortschritts.

Die Krise musste eine monetäre  Ursache haben. Keynes fand diese Ursache und verfasste darüber sein  berühmtes Werk, das leider für das breite Publikum nicht leicht zu verstehen ist. Der von Keynes lang und breit erläuterte  Grundgedanke seiner monetären Theorie der Produktion wurde von seinen  Gegnern bis heute mit Erfolg verfälscht und vernebelt. Die Produktion schafft nämlich Einkommen, aus dem die Haushalte Geld  sparen wollen. Makroökonomisch ist die Ersparnis von Geld durch die  Neuverschuldung anderer Haushalte limitiert. Somit haben wir eine monetäre Beschränkung für Produktion und Einkommen der  Ökonomie. Die Produktionsfunktion der orthodoxen Lehre Y = f(Kapital, Arbeit) ist in der Regel ungültig - Ausnahme wäre eine Vollauslastung des Produktionspotenzials, also ein Boom bei Vollbeschäftigung.

Die orthodoxen Ökonomen hatten bei  der Verwendung der Einkommen nur Konsum und Investition betrachtet, die  Erzielung von Überschüssen der Einnahmen über die Ausgaben zur Erhöhung der Geldvermögen oder Tilgung von Schulden  blieb einfach völlig unerwähnt. Der Versuch der Haushalte, durch  Ausgabenkürzungen Einnahmeüberschüsse zu erzielen um Geld zu sparen, ist die Ursache der Krisen und bestimmt die Produktion und  das Einkommen der Ökonomie.

 

Die Produktion ist identisch mit dem  Einkommen der Ökonomie. Das Einkommen ermöglicht immer ein Sparen von  Geld und das Sparen von Geld ist limitiert, weil genau im gleichen Umfang des Geldsparens die Verschuldung anderer Haushalte  erfolgen muss. Geldsparer und Schuldner handeln dabei scheinbar  unabhängig in ihrem privaten Interesse, sind jedoch durch die Konjunktur, also die Entwicklung ihrer Einkommen, untrennbar  verbunden: Die Summe des neu gesparten Geldes ist immer genau identisch  mit der laufenden Neuverschuldung.

Der Grund für die Identität von  Ersparnis und Verschuldung -  mit Sparen oder der Ersparnis ist  nachfolgend immer das Sparen von Geld gemeint - besteht in der Gegenseitigkeit der Käufe und Verkäufe. Der Sparer braucht für jede  Ersparnis einen Überschuss der Einnahmen über seine Ausgaben, die  anderen Haushalte müssen dafür zwangsläufig einen Überschuss ihrer Ausgaben über die Einnahmen akzeptieren.

Die Einnahmeüberschüsse sind gleich den Ausgabenüberschüssen.

Wissen wir von einer Ökonomie für eine Zeitspanne die Höhe der laufenden Neuverschuldung und die  Geldsparquote vom Einkommen, sind Einkommen und Produktion Y damit eindeutig bestimmt.

Statt Y = f(Kapital, Arbeit) gilt eine monetäre Produktionsfunktion in der Ökonomie: Y = f(Neuverschuldung, Geldsparquote)

 

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Mehrere Ursachen können zu einer steigenden Geldsparquote führen:

In der Grafik der monetären  Produktionsfunktion ist leicht zu erkennen, warum unter der  Ceteris-paribus-Bedingung eine Erhöhung der Geldsparquote nicht größere Ersparnisse, sondern sinkende Einkommen Y(A,S+) bewirkt, denn der  Ausgabenüberschuss bestimmt den Einnahmeüberschuss.


Mit dem Ziel der Erhöhung ihrer  Sparquote vermeiden die Sparer Ausgaben und senken die Einnahmen der  anderen Haushalte. Umgekehrt bewirkt  ein Sinken der Geldsparquote steigende Einkommen.

Die höhere Sparquote lässt zuerst die Einkommen sinken. In einem zweiten Schritt werden die niedrigeren  Einkommen die Bereitschaft zur Verschuldung mindern, wodurch das Einkommen weiter fällt (wie in der nächsten Abbildung zu sehen)  und sogar die Ersparnisse sinken. Damit hat das verstärkte Sparen  makroökonomisch ganz das Gegenteil der einzelwirtschaftlichen Ziele erreicht.

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Restriktive Geld- und Finanzpolitik

Sobald wir der Forderung unserer VWL-Professoren folgen, mehr zu sparen und weniger Schulden zu machen, erleiden wir eine schwere Wirtschaftskrise (siehe Abbildung rechts) durch rein monetäre Ursachen. Dabei gehen Produktion und Einkommen nicht nur monetär mit einer Preisdeflation zurück, wie die Professoren behaupten werden, sondern real. Die Haushalte kürzen die Güternachfrage, bis ihre reale Verarmung weiteres Sparen an den Ausgaben verhindert - alle Krisen haben das bewiesen.

Wenn die Geldpolitik die Verschuldung mit hohen Realzinsen hindert und durch die Senkung der Inflation oder gar eine Deflation das Geldsparen fördert, verursacht dies eine einbrechende Produktion und sinkende Einkommen der Ökonomie.

Nun fällt auf, dass die Hemmung der Verschuldung in der Ökonomie und die Förderung des Sparens die Kernelemente der neoliberalen Politik sind. Die Kenntnis der monetären Produktionsfunktion nach Keynes darf bei den Neoliberalen vermutet werden. Neoliberale Forderungen nach Geldwertstabilität und privater Vorsorge durch das Sparen der privaten Haushalte, sowie die Erhöhung der Einkommen der geldsparenden Reichen zu Lasten der überwiegend ihr Einkommen konsumierenden Armen, verschärft durch eine Schuldenbremse für den Staat, sind ganz gezielte Maßnahmen zur Senkung von Produktion und Einkommen der Ökonomien und bewirken die Verelendung der von neoliberaler Reformpolitik geschädigten Staaten und Völker.

Deficit Spending

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Der Zweck und die monetäre Auswirkung der Defizite öffentlicher Haushalte lassen sich aus dieser Darstellung der monetären Produktionsfunktion wieder leicht erkennen. Durch das zusätzliche Haushaltsdefizit A+ wurde der Anstieg der Geldsparquote ausgeglichen und den Haushalten die gewünschte höhere Ersparnis E+ ermöglicht. Dabei ist das Einkommen der Ökonomie wieder auf den vor dem Anstieg der Sparquote erreichten Stand gestiegen.

 

Das Deficit Spending erfolgt in normalen Zeiten auch durch Private, wie zum Beispiel die Häuslebauer. Während eines Immobilienbooms oder bei extrem hohen Exportüberschüssen (das Ausland verschuldet sich), kann der Staatshaushalt auch problemlos Überschüsse aufweisen. Brechen Immobilienboom und Export ein, muss die Staatsverschuldung das Geldsparen der Privaten ermöglichen.

 

In Krisenzeiten kann sich nur der Staat zur Belebung der Ökonomie verschulden, weil Private bei ihren Entscheidungen keine Rücksicht auf die makroökonomischen Zusammenhänge nehmen und sich gegenseitig immer tiefer in die Depression sparen würden.

Das Entsparen oder (VWL) autonomer Konsum

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Es gibt in jedem Zeitraum auch ein Entsparen, einige Haushalte konsumieren oder investieren und bezahlen aus ihrem Geldvermögen. Im Umfang dieses Entsparens können andere Haushalte mehr Geld sparen und ein höheres Einkommen erzielen.

Die Betrachtung des Entsparens ändert die monetären Zusammenhänge nicht, sie lässt deren Darstellung nur etwas komplizierter erscheinen (Abb. rechts), weil sich die Y-Achse nach oben verschiebt.

Die VWL diskutiert im Zusammenhang mit dem Multiplikator einen autonomen Konsum, bei dem die Ausgaben aus vorhandenen Ersparnissen der Haushalte stammen. Bei unserer Betrachtung ist nicht nur der Konsum, sondern auch der Erwerb von Sachvermögen aus den vorhandenen Geldersparnissen möglich. Genau im Umfang dieses Entsparens von Geld können andere Haushalte ihre erwünschten Ersparnisse bilden und das entsprechende Einkommen erzielen.

Es existiert also ohne eine Neuverschuldung ein Mindesteinkommen Y(min) der Ökonomie, bei dem die Geldsparwünsche der sparenden Haushalte durch die von den anderen Haushalten aufgelösten Geldvermögen möglich werden. In der Realität wird es aber immer auch zu neuer Verschuldung kommen, so dass das Einkommen der Ökonomie nicht bis auf das Y(min) sinken kann, selbst wenn mit Hochzinspolitik oder gar Deflation die aus freiem Willen erfolgende Verschuldung privater Haushalte und Unternehmen verhindert wird.

Verantwortlich:

Wolfgang Waldner, Auf dem Bühl 98,  87437 Kempten, wolfgang-waldner@t-online.de Tel.: 0831/29704

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Die monetäre Beschränkung der Produktion

Das Sparparadoxon

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